Ein Weilchen Events

Landpartie mit Hindernissen

Wenn ich im Sommer eine Landpartie besuche, muss ich unweigerlich an den „Sonntagsspaziergang“ denken. Ihr kennt das Gemälde von Carl Spitzweg , in dem er mit einem zwinkernden Auge das deutsche Kleinbürgertum liebevoll aufs Korn nimmt. Leicht und sommerlich bekleidet war man, verzichtete aber dennoch nicht auf moralisch angeratene Garderobe und Etikette wenn man sich Anfang des  19. Jahrhunderts Sonntags zu einer „Partie“ aufmachte und damit eine Art bürgerliches Schaulaufen begann.

 

 

 

Die Landpartien zur Sommerzeit hier in der Umgebung sind für hoffnungslose Romantikerinnen wie mich ein Eldorado. Im malerischer Kulisse kann man Gutshöfe und deren Gärten besuchen, die sonst ihre Pforten für Besucher geschlossen halten. Aussteller haben die Möglichkeit ihre Waren an  den Mann  die Frau zu bringen und: man trifft sich. Meistens trifft man sich gut heraus geputzt, große, ausgefallene Hüte sind angesagt, hübsche, blumige Kleidchen aus hochwertigen Materialien und edle Accessoires werden von den Damen ausgeführt.

Ein Geheimtipp von mir ist das zwischen Stadthagen und Bad Nenndorf gelegene Rittergut Remeringhausen. Hier findet alljährlich Ende Juli, Anfang August in einer „Rosamunde Pilcher – Kulisse“ das Parkfestival „Romantic Garden“ statt. Die Leute, die dort hingehen sind Normalos und übertreiben es nicht mit ihrer VerBekleidung.

Von Freitag bis Sonntag letzter Woche wollte das Gelände zum flanieren und genießen einladen.
Bedauerlicherweise ist Petrus dieses Jahr kein Romantic-Gardenfan und verkürzte das bunte Treiben beträchtlich. Der Himmel schüttete kübelweise Wasser aus. Zwei Tage lang, ohne Unterbrechung, selbst nachts! Unser Hund bediente sich zum Saufen nur noch an den Wasserlachen auf der Straße und mein Ersatzpapa scherzte mit Sprüchen wie „na, bist du zum Duschen auf der Terasse?“
Mich interessierte, was die Veranstalter sagten, denn schließlich hatten wir einen der drei Tage fest zum bummeln  eingeplant. Auf der entsprechenden Facebookseite gibt es ein kleines Video einer Ausstellerin, die sich mit dickem Wollponcho und Mopshundregenschirm bewaffnet in ihrem Zelt verschanzt und alle Mädels einlädt, doch bitte unbedingt zu kommen, denn soooo schlecht sei das Wetter gar nicht. Alle hätten Sonne im Herzen, die Wege stauben nicht und unter dem großen Sonnenschirm auf der Wiese könne man so schön Kaffee trinken. Man konnte sie kaum verstehen, weil es so pladderte und im Hintergrund sah man ein paar Verirrte im Matsch schliddern. Ich muss zugeben, es hatte eine gewisse Komik.
Aber der Wettergott hatte ein Einsehen und am Sonntag sah man endlich wieder blau am Himmel; für Steffi und Christiane hieß das: Landluft mit historischem Charme schnuppern, auf nach Heuerßen!

Als wir mit dem Auto ankamen, gab es im Dorf schon eine beachtliche Schlange anreisender Fahrzeuge. Wenn man nachgedacht hätte, hätte man glatt vorher drauf kommen können, dass wir nicht die einzigen waren, die das Wetter nutzen. Alle fuhren brav hintereinander her und wurden auf den Parkplatz geleitet, oder besser gesagt, das, was als Parkplatz vorgesehen war: eine riesengroße Matschwiese. Rechts stand ein großer Traktor. Scherzend sagte ich zu Steffi „du, ich glaube, der zieht die nachher alle wieder aus dem Schlamm…“. Na jedenfalls kam man gut drauf aufs Matschfeld, denn es ging abwärts! Und da wir früh waren, hatten wir die freie Wahl, in welches Wasserloch wir unseren Wagen stellen.

Hatte ich mir kurzfristig noch eingebildet, es könne sich um sowas wie „richtige Wege“ handeln, auf denen man dann zum angepeilten Zielort wandelt, wird mir bereits nach 2 Metern klar: Nein! Nach fünf Metern denke ich „Wäre schon klug gewesen, du hättest deine neuen gepunkteten Gummistiefelchen angezogen, du Vollhorst!“ Hatte ich aber nicht. Okay, wenigstens hatte ich die Sandalen gegen soetwas, was sich im weitesten Sinne unter „festes Schuhwerk“ subsummieren lässt, getauscht.

Wir hätten hinter den anderen her stapfen können, doch angesichts der Tatsache, dass wir das Lebendgewicht einer Kuh in Hundeequipment, Fotoausrüstung und Klüngel, den man halt so braucht, mit uns herum schleppten, entschieden wir uns für eine andere, vermeintlich kürzere Strecke. Gefühlte 10 km von einem Grasbüschel zum nächsten watend, erschloss sich uns, warum alle anderen wo anders lang gewatet sind: ein Graben, ein großer Graben, gefüllt mit Wasser und… Schlamm (an diese Stelle würden nun optimal die kurzen, stechenden Quietschetöne passen, die den aus dem Hinterhalt auftauchenden weißen Hai ankündigen).
Also als erster war der Hund drüben!
Steffi, die sehr trittsicher ist und wirklich(!) viel längere Beine als ich hat, brauchte nur ein klitzekleines bisschen länger.
Keine Ahnung, wie ich da rüber kam, ich kann mich nur erinnern, dass meine allerliebste Freundin ganze Motivationssalven auf mich niederprasseln ließ und sich in meinem Kopf ein Film nach dem anderen abspielte – und die hatten allesamt nichts mit Rosamunde Pilcher zu tun!

Glücklich am Ziel angekommen verbrachten wir nur noch ein Viertelstündchen wartend, um eine Eintrittskarte zu erstehen.

So, und ab jetzt wurde es schön (erstmal).
Den Innenhof des Rittergutes erreichten wir über eine Brücke und ein Torhaus.

Dort angekommen, sieht man auf ein eindrucksvolles Gebäudeensemble, bestehend aus dem barocken Herrenhaus (Bild oben) und einem Weserrenaissanceschlösschen (Bild unten).

am Schloss befindet sich eine steinerne Sonnenuhr

Auf dem Innenhof wurden wir von einer Blumenfee empfangen. Sie trällerte fröhlich vor sich hin und versprach allen, die unter ihrem „Rosenbogen“ hindurch liefen, hundert Jahre Glück. Da ich nicht denke, dass ich in einen Dornröschenschlaf falle (obwohl die Wildtriebe der Rosen in unserem Garten gefährlich darauf hindeuten) hätte ich nun also mindestens 150 Jahre Glück zu verschenken; ihr dürft euch gerne bei mir melden.


In den Scheunen des Gutshofes traf man die ersten Aussteller an. Außerdem war natürlich ausreichend fürs leibliche Wohl gesorgt.




verständnisloser Käseverkäufer – nein, Veganer essen keinen Käse 😉

Weiter ging es über eine weitere Brücke in den großen Park, der im Stil eines englischen Landschaftsgartens gestaltet ist. Von hier aus konnte man einen Rundweg starten, um sich die schönen Verkaufsstände anzuschauen, oder um einfach nur bei einer Tasse Kaffee Aussicht und Ambiente zu genießen. Wir entschieden uns selbstverständlich für den Rundweg!

 




Über diesen lustigen Kopf-wippe-Vogel konnten sich die Kinder herrlich amüsieren




Im Nachhinein denke ich, die Veranstalter haben den kleinen Freund oben als Vorwarnung aufgestellt. Wir hätten hellhörig werden müssen, da uns plötzlich im Rundweg Menschenmassen entgegenströmten. Aber wir waren ja versunken in all das Schöne, was uns umgab und was Mädchen nun mal mögen. Also liefen wir weiter, nichtsahnend, dass um die Ecke die Sumpfhölle auf uns wartete. Man stand knöchelhoch im Schlamm, der allerdings mit einer dicken Rindenmulchschicht verhinterte, dass man sich ernsthaft die Schuhe ruinierte. Stellt euch vor, ihr lauft auf einem dicken fetten Hefeteig und müsst zusehen, dass ihr die Beine schnell wieder raus bekommt, weil er droht, euch sonst zu verschlingen. Gleichgewichtstechnisch war es wie auf meinem Balance Board, auf dem ich gerne meine Gesangsschüler quäle. Es war ein Bild für die Götter und erinnerte ein bisschen an einen Kneipp-Trimm-dich-Pfad. Auf jedenfall war das nichts für Leute, die größere Probleme mit der Koordination haben – für alle anderen war es irgendwie machbar, wenn man schaute, wo man hinlief und nicht auf die Kamera starrte. Nicht, dass ich da Erfahrungen gemacht hätte. Aber Fotos hätte ich von der Szenerie trotzdem gerne gehabt…..

Auffallend viele Hunde waren übrigens auch mit von der Partie. Viele von ihnen suchten „Dr. Dolittle-like“ unsere Nähe, um sich für ein Portrait vorbildlich in Pose zu setzten.

 


So… und damit war unser kleiner Ausflug auch schon fast beendet. Nach gut fünf Stunden trafen wir dann noch meine Schwester und ihren Freund. Bei einem Tässchen Kaffee stellten wir fest, dass wir ziemlich ähnliche Erfahrungen gemacht hatten, begutachteten gegenseitig unsere verkrusteten Treter und fanden es irgendwie total knorke 😉

Ach ja, – natürlich war bei Abfahrt die Zeit des Treckers gekommen – und viele junge Männer halfen anzuschieben. Aber alle blieben fröhlich und gelassen. Denn so oder so- eine Autowäsche war eh fällig.

Bis zum nächsten Jahr zur Landpartie,

herzlichst
eure Christiane

 

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