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Novemberklang


„Weißt du, Chrissy – das geht doch gar nicht!  Ich liege in einem Grab, auf dem Tagetes wächst, oder auch Heidekraut – je nachdem, wann ich sterbe. Und oben steht ein schmiedeeisernes Kreuz, in dem ein Bild von mir hängt,  mein Name und meine Lebensdaten stehen. Als Krönung vielleicht noch ein rot flackerndes Licht und ein Engelchen. Spätestens, wenn dann jemand kommt und über mir mit spitzen Fingerchen Unkraut zwischen den Kieselsteinen weg zupft oder meine Heide mit Wasser begießt, will ich da raus! Das kann ich mir alles nicht vorstellen.

Liebes, ich war noch nie gerne auf Friedhöfen, die sind kalt. Die kalten Grabsteine, die kalten Kreuze, die Umrandungen, die Totenstille. Alle liegen sie da und ich… wenn es mal soweit ist…. ich mittendrin? Nein! Das möchte ich nicht!

Friedhof in Traunkirchen, Oberösterreich

„Alle liegen ganz dicht nebeneinander. Jedes Grab sieht aus wie das andere; uniform. Mit einem Maßband vermessen. Vollkommen wurscht, wie wild und bunt das Leben der einzelnen war, wenn du tot bist, zählt nur der rechte Winkel. Fröhliches und farbenfrohes Leben wird grau begraben, mit Tagetes garniert. Das Zeug würde ich mir heute nicht mal  geschenkt in den Kübel pflanzen.“


„Neulich, da fuhr ich mit dem Mofa durch die Berge, an einen kleinen See. Da ging es durch ein Waldstück. Einen Friedwald. Dort könnte ich gut sein, wenn ich mal tot bin, dachte ich mir. Dort sind sicher alle Toten gerne. Umringt von alten Bäumen, mit Blick auf den See, mitten in der Natur. Ohne rotes Flackerlicht und vor allem ….. ohne Tagetes!!“

So ähnlich verlief vor Jahren ein Telefonat mit meinem Vater; ich erinnere mich sehr gut daran, weil ich es so ungewöhnlich fand,  – es imponierte mir, wie er mit dem Thema „Tod, mitten im Leben“ umging.  Er wusste immer genau was er wollte, bis zum Schluß.
Er lebte in Bayern und hatte die Friedhöfe seiner österreichischen Heimat vor Augen, als er mir das erzählte. Die Friedhöfe, die ich so sehr mag. Wir waren uns in vielen Dingen sehr ähnlich, aber hier gingen unsere Meinungen komplett auseinander. Er konnte am Telefon stundenlang erzählen; ich brauchte einfach nur zuhören. Diskutieren gab es eigentlich nie.
Im Januar ist er verstorben. In seinen wohl geordneten Unterlagen fanden wir sofort seinen letzten Willen. Es war alles festgelegt, bis ins kleinste Detail festgelegt und bereits bezahlt.
Heute fehlt es mir manchmal, dass ich einen Ort habe, an dem ich ihn besuchen kann, wenn mir danach ist, denn ich weiß nicht, wo genau seine Urne begraben wurde. Er wollte das so. Jetzt im November, dem Monat mit den vielen Feiertagen zum Totengedenken, denke ich oft an ihn!

Blick vom Friedhof auf Traunsee und Traunstein

„Wenn ich mal tot bin, möchte ich keine traurigen Gesichter an meinem Grab stehen haben. Ich möchte, dass ihr an mich denkt und mich so in Erinnerung behaltet, wie ich war. Nicht an bestimmten Tagen, sondern immer, wenn meine Seele euch mal wieder nahe ist. Nicht an einem bestimmten Ort, sondern dort, wo ihr gerne seid. Schon mal gar nicht auf einem gezirkelten Friedhof. Solange ihr an mich denkt, lebe ich weiter – egal, wo meine Asche liegt.“

 

Ich denke oft an dich! Hättest du dir eine Grabstätte gewünscht, wäre sie vermutlich mit Rosen bepflanzt.

 

 

 

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