Augenblicke Besinnlichkeiten Emotionen Fotoeintopf

Über die Trauer und die schönen Erinnerungen

 

Es ist seit vielen Wochen still hier auf der Seite. Das liegt daran, dass ich meine Kamera lange nicht mehr in die Hand genommen habe; mir fehlte die Zeit, die Muße und vor allem die Energie.
Aktuell geht es viel um Abschied und Loslassen in meinem Leben. Wenn Krankheit, Tod und damit der Abschied mehrmals kurz hintereinander unverhofft kommen, dann kann dich das schon sehr aus dem Gleichgewicht werfen. Der Tod hinterlässt eine unglaubliche Leere, wirbelt alles auf, man trudelt, schwankt und fällt manchmal auch hin. Dann wiederum steht man vor Aufgaben, von denen man glaubt, dass man sie nie bewältigen kann. Vakuum, Fragezeichen, Wut und Unsicherheit sind die wichtigsten Begriffe, die mir in diesem Zusammenhang einfallen. Alles, was schön war im Leben, möchte man plötzlich nicht mehr zulassen oder man kann sich nicht mehr daran erfreuen.

Trauer ist etwas sehr einzigartiges, individuelles. Ein Rezept, wie man mit schweren Schicksalsschlägen umgeht, gibt es nicht. Und dennoch gab es einiges, was mir geholfen hat, aus dem tiefen  Loch wieder hervorzukrabbeln. Das waren zum einen die besonders lieben Menschen, die da waren. Sie waren einfach nur da. Ohne viele Worte, dafür eine herzliche Umarmung, einen festen Händedruck oder einfach nur ein tiefes gemeinsames Einatmen. Das ist vielleicht nicht viel und doch ist es alles!

Und dann war da noch die Musik. Musik gilt als Trösterin. Sie wirkt auf den Menschen, verändert den Herzschlag, die Atemfrequenz, den Blutdruck und sie ist gleichzeitig auch Balsam für die Seele. „Musik macht das Herz weich. Ganz still und ohne Gewalt macht die Musik die Türen zur Seele auf“ (Sophie Scholl). Musik bewegt etwas, was durch kein anderes Mittel hervorgerufen werden kann, das habe ich noch nie so deutlich intensiv gespürt wie in den letzten Wochen. Danke an dieser Stelle an Katharina, für deine zarten, an innigem Ausdruck nicht zu übertreffenden Töne, danke an meinen lieben Chor!

Sehr berührt haben mich auch die schönen und mit Bedacht geschriebenen Briefe. Bei der Gelegenheit ist mir bewusst geworden, dass ein handgeschriebener Brief im heutigen Digitalzeitalter ein wirkliches Geschenk ist.
Wie unvergänglich ein solcher Brief ist, habe ich beim Ausräumen des Hauses meiner Mutter erlebt. In der hintersten Ecke eines alten Kellerschrankes fielen mir hunderte handgeschriebener Briefe in die Hände. Briefe meines Urgroßvaters an meine Urgroßmutter aus dem Jahr 1921. Aber auch jüngere Schriftstücke meines Großvaters an meine Großmutter. Briefe, verfasst auf hübschen Papier mit feinsäuberlicher Handschrift, in einer wunderhübschen, anrührenden Herzenssprache. Briefe aus dem Krieg, die zu Tränen rühren. Die meisten sind in altdeutscher Schrift geschrieben. Meine Tante liest sie mir vor und das wiederum ist für uns beide eine schöne, gemeinsame intensive Zeit.

Meine Großmutter 1918

Dann habe ich noch einen ganz besonderen Schatz entdeckt, von dessen Existenz ich bisher nichts wusste. Fotoalben mit wunderschönen Bildern, teilweise über hundert Jahre alt. Ich bekomme ungeahnte Einblicke in die Welt meiner Vorfahren. Die Bilder wirken auf mich allesamt wie Gemälde. Jedes Foto ein kleines Kunstwerk und trotz der jahrzehntelangen Lagerung im feuchten, kalten Keller noch sehr gut erhalten. Ich frage mich oft, warum damals auf Fotos nicht gelacht oder zumindest gelächelt wurde. Fotos seien damals verhältnismäßig teuer gewesen, weiß meine Tante zu berichten, außerdem war es ein seltenes Ereignis, zum Fotografen zu gehen. Es sei zu der Zeit nicht fein gewesen, auf Fotos zu lächeln, Fotos hatten etwas sehr ernsthaftes, „anständiges“.  Eine Erklärung für mich wären vielleicht längere Belichtungszeiten, die man mit den damaligen Kameras sicherlich benötgte. Wie dem auch sei, wenn ich diese alten Alben in den Händen halte werde ich durchaus ehrfürchtig.

Die schönste Erinnerung an meine Eltern lieferte jedoch eine Speicherkarte, die ich vor Jahren meiner Mutter, zusammen mit einem digitalen Bilderrahmen schenkte. Sie beinhaltet Fotos, die ich vor Jahren mit meiner ersten Kamera in der Heimat meines Vaters machte. Orte, die wir als Familie oft zusammen besucht haben und die für mich zu einer Art Kraftorte geworden sind. Es sind Orte, die, immer wenn ich dort bin, starke Empfindungen auslösen. Ich denke, jeder kennt das. Man kehrt immer wieder gern dorthin zurück. Sie geben einem tiefe Entspannung oder das Gefühl der besonderen Verbundenheit mit der Natur, sie tun unserer Seele gut und wir spüren Ehrfurcht, Respekt und Staunen.

Die drei Bilder unten sind bezeichnend für meine Kindheit zusammen mit den Eltern. Bilder, die helfen beim Abschied nehmen und Erinnern.

Almsee, Oberösterreich

Auf dem Loser

Salzburg

 

Ein lieber Bloggerkollege hat mir vor gar nicht langer Zeit einmal gesagt, er sehe seinen Blog als bebildertes, digitales Tagebuch, auch und vor allem für sich selbst.

Ich sehe es ähnlich. Für mich sind hier vor allem die Fotos wichtig, aber ich teile auch gern meine Gedanken. Heute sind es wenige Bilder, dafür mehr Worte über eine dunkle sowie trostvolle Zeit. Aber auch das gehört dazu.

Demnächst steht ein schönes Event an, auf dem ich viel fotografieren möchte und von dem ich hier gerne wieder einiges zeigen und berichten werde.

Bis dahin alles Liebe und allen ein schönes Osterfest!

 

5 Comments

  • Reply
    henning
    Mai 3, 2018 at 18:34

    Hallo Christiane,
    gerade bin ich auf Deinen tollen Blog gestoßen. Ein ganz großes Lob zu Deiner Seite, zu Deinen Fotos und diesem tollen Blogbeitrag „Über die Trauer und die schönen Erinnerungen“. Tod, Krankheit haben in der dt. Gesellschaft leider keinen Platz. Sie werden abgeschoben und in spezielle Unterkünften (Altersheim, Seniorenresidenz, etc) bewohnt, wo sie auf den Tod warten können. Gerade Dein Bericht durchbricht diese Tristesse und verleiht – mein Favorit ist das letzte Bild mit dem Ei diese Tristesse. Gerne hätte ich auch Kai’s Seite „Zum Abschied eines geliebten Menschen“ gelesen. Leider habe ich ihn nicht gefunden.
    Ich lese in Zukunft öfter auf Deinen Seiten. Viele Grüße
    Henning

    P.S: Leica hatte im August letzten Jahres (2017) eine Ausstellung. Thema Palliativ-Station.

    • Reply
      Christiane Pesendorfer
      Mai 3, 2018 at 22:24

      Hallo Henning,
      danke für Deine Zeilen und ich freue mich natürlich immer sehr, wenn jemand hier mitliest und vielleicht auch Gefallen daran findet.
      Den Beitrag von Kai findest Du hier .

      Liebe Grüße
      Christiane

      • Reply
        henning
        Mai 9, 2018 at 15:36

        Hallo Christiane,
        Vielen Dank für den Link.

  • Reply
    Kai
    April 21, 2018 at 23:13

    Liebe Christiane,
    Du bist eine von ganz wenigen, die der Fotografie einen Sinn geben. Du erzählst mit diesen Bildern etwas von Dir und Deinen Gefühlen. Das macht jedes Bild besonders. Im letzten Monat haben wir eine Ausstellung zum Thema „Tod“ in Norwegen besucht.
    Es war sehr bewegend, sich überhaupt auch auf dokumentarische und künstlerische Art mit diesem Thema auseinander zu setzen.
    Falls Du magst, schau mal auf meiner Seite den Beitrag „Zum Abschied eines geliebten Menschen“. Für meine Art zu fotografieren, habe ich einmal folgende Zeilen verfasst: „Der lauten Töne sind genug. Es sind die leisen, die Klänge der Bilder, die unsere Seele öffnen“.
    Und wenn Du das Event fotografierst (Du schreibst, dass Du dort viel fotografieren möchtest), mach doch vielleicht statt viel nur 12 Bilder, oder 6 oder gar eines. Eines, welches Du so lange suchst, bis Du es gefunden hast. Ist nur so eine Idee.
    Mein Bild, welches ich von Deinem berührenden Text mitnehme, ist das letzte. Es ist hell und bunt, fröhlich und hoffend. Und genau das Bild nehme ich von Dir mit, wo ich Dich gar nicht kenne. Aber das Bild beschreibt weniger das abgebildete Ei als ein kleines Stück Deiner Seele.
    Liebe Gedanken
    Kai

    • Reply
      Christiane Pesendorfer
      April 22, 2018 at 7:17

      Lieber Kai,

      Sterben und Tod werden oft tabuisiert, man vermeidet es, darüber zu reden oder sich mit dem Thema überhaupt auseinander zu setzen. Selber darüber zu schreiben erfordert Mut, das hast Du vielleicht selber auch so empfunden(?), denn man ist in dieser Zeit sehr empfindsam und sensibel, quasi in einem Ausnahmezustand. Die Reaktionen auf so einen Beitrag könnten sehr unterschiedlich ausfallen….. (Auch) deswegen freue ich mich sehr über Deinen Kommentar, Deine sehr einfühlsamen Worte – danke dafür.
      Und ja, Du hast vollkommen recht, für diese Art Post reichen ein, zwei Bilder, vor allem, wenn sie so treffend sind, wie in deinem Beitrag.
      Wenn ich aber an das Event denke, bei dem ich gestern fotografieren durfte und von dem ich hunderte Bilder mitgebracht habe, dann ist mir nach Überschwang. Da ging es mir ähnlich wie bei einem Spaziergang in der Natur, die im Moment hunderte der schönsten Motive liefert und man nicht weiß, auf welche Blüte man nun zuerst halten soll. Hier sprangen mir Lebenslust und Freude pur vor die Kamera, 150 Kinder (viele davon etwa im Alter deiner Tochter), die mich mitnahmen in ihre fröhlich bunte kleine Welt. Aber das letzte Foto des Beitrags wird in jedem Fall „das eine“ sein, was stellvertretend für die ganze Veranstaltung steht.

      Viele liebe Grüße
      Christiane

Leave a Reply