Emotionen Fotoeintopf

Die Debatte um Debatten oder: „nur meine Meinung zählt“

Es ist Sonntagmorgen. Ich sitze gemütlich mit einer Tasse Tee auf meinem Sofa und lese in einem Online-Nachrichtenmagazin.

Katharina Schwirkus meint „Lasst uns die Köter abschaffen“.
Ein Artikel über Verschmutzung der Gehwege und Parks durch die Vierbeiner, über deren Ökobilanz und den Klimaschutz. Ein Artikel, dem über 5000 Kommentare folgen.
Zugegeben, ein provokantes Statement der Frau S. Dazu folgen haufenweise Kommentare, wie „bei der stand die Schaukel in der Kindheit wohl zu nah an der Hauswand“, oder „ab mit ihr in die Katzentoilette, Deckel drauf und eine schwere Steinplatte drüber“. Es werden Fackeln und Mistkübel geschwungen, im tiefen Selbstverständnis, die Welt zu verbessern und im Glauben auf der „richtigen“ Seite zu stehen.

Ich scrolle weiter. Eine Psychologin sagt, Greta Thunberg gehe etwas verloren und sieht in „Gretas Arbeitspensum dennoch große Chancen“. Wieder über 400 Kommentare. Unter den Kommentatoren bilden sich zwei Fronten; hart, unnachgiebig, zwei Parteien, die am Ende mit verbalen Knüppeln aufeinander einschlagen, bis einer am Boden liegt.
Ohne Rücksicht auf Verluste wird sich untereinander beleidigt und verletzt.
Ist jemand anderer Meinung wird er zum Gegner.

In einigen Foren oder sozialen Medien, wie z.B. facebook gibt es bisweilen Leute, die in weiser Vorausahnung unter eine gestellte (harmlose!) Frage vorbeugend hinzufügen: „bitte nur nette Antworten“. Dennoch gibt es immer irgendeinen Idioten, der in komplett unangemessener Weise reagiert. Immer mitten in die Visage.

Das waren nur zwei Beispiele. Dieses Phänomen beschäftigt mich schon einige Zeit und es zieht sich durch viele Themenbereiche: Politik, Medizin, Religion, Erziehung, Sport, aber auch Stilfragen, wie Kleidung oder Einrichtung….
Auch in den privaten Blogs gibt es vermehrt die Tendenz, andere mit Worten nieder zu trampeln; manchmal scheint es mir, als wolle der Verfasser damit sein eigenes Ego stärken.


Niemals war es so einfach, seine Meinung zu äußern

Im Internet kann man sich uneingeschränkt austoben. Es bietet allen Menschen eine Stimme. Jeder, der sonst vielleicht ungehört bliebe, hat die Möglichkeit seine Ansichten in die Welt zu schreiben. Joicho Ito, Direktor der MIT Media Lab brachte es einmal so auf den Punkt: „Gibt man jedem eine Stimme sind die Arschlöcher die Lautesten“.
Es entsteht zuweilen der Eindruck, dass jeder alles besser weiß; das mag damit zusammenhängen, dass sich heutzutage jeder ein „Scheinwissen“ aneignen, sich schnell mal eben im Internet schlau machen kann. Man kann theoretisch alles können und wird zum „Quasi-Profi“, der anderen zeigt wie es funktioniert. Da braucht man niemanden mehr, der etwas studiert, oder gelernt hat und dadurch wirklich gut, oder außerordentlich talentiert ist. Es scheint, als gibt es tatsächlich viele Leute, die meinen, sie können und wissen alles.
Dabei werden Meinungen zu Informationen, die vom Sofa aus mal eben kundgetan werden. Und es geht meiner Wahrnehmung nach nicht darum, sich eine Meinung zu bilden und diese, wenn nötig, zu ändern, bzw. zu reflektieren; es geht manchmal nur noch ums sofortige reagieren, schnell, möglichst sofort.

Schwarz-weiße Gedanken

Ich beobachte auch, dass es vielmals nur ja oder nein, schlecht oder gut, richtig oder falsch, schwarz oder weiß gibt. Alles, was dazwischen liegt, oder besser gesagt, jeder, der relativiert, hat in den Augen vieler keine Meinung.
Da ist es nicht sehr verwunderlich, dass diejenigen, die reflektieren und in unterschiedlichsten Graustufen denken können, im Land der Besserwisser und Trolle einen langen Atem haben müssen und dabei schnell die Ausdauer verlieren, weil sie gegen diskussionsunfähige, meist inhaltsleere Mauern reden.

Damit hier kein falscher Einfruck entsteht: natürlich muss man nicht alles richtig finden, was andere sagen und man sollte auch klare Ansichten haben, auch wenn diese zu Konflikten führen.
Unsere Welt wäre ziemlich langweilig, wenn jeder jedem nach dem Mund reden würde. Aber der Ton macht die Musik! Warum kann man nicht sein „meinen“ beim „meinen“ belassen, ohne es in ein „Wissen“ zu transformieren, nur um sich zu profilieren, oder eine Diskussion zu beherrschen. Und warum kann nicht eine andere Meinung einfach mal so stehen bleiben, in dem Wissen, dass Meinungen nunmal etwas ganz Subjektives sind.

Grundsätzlich wünsche ich mir ein respektvolleres Miteinander, in dem man sich hin und wieder selbstreflektiert fragt, was man mit seinen Kommentaren eigentlich erreichen möchte. Ich wünsche mir mehr Akzeptanz und manchmal eben auch ein Durchatmen und Nachdenken, bevor man „online-enthemmt“ auf den Senden-Button klickt.

All das ist meine ganz persönliche Denke. Es gibt sicher noch viele Perspektiven, die man hinzufügen kann oder komplett andere Ansichten dazu? Ich würde mich über Rückmeldungen freuen ….

Alles Liebe
eure Christiane

Tonkopf „Der Denker“ (Alois Schulze Dorfkönig)

2 Comments

  • Reply
    Kai
    Oktober 1, 2019 at 21:50

    Liebe Christiane,
    Ja. Ja. Ja.
    In erschreckendem Maße halten viele Menschen in unserer Demokratie diese selbst nicht mehr für die beste Staatsform. Viele bewundern Länder wie China, dass man dort auch mal was durchzieht. Und so passt es, dass man andere Ansichten nicht mehr zulässt, noch nicht einmal mehr zuhört. In den Kommentaren zeigt sich auch, dass Menschen offensichtlich gar nicht mehr in der Lage sind zu argumentieren. Und es zeigt sich oft, dass Menschen sich zu gerne der Meinung anderer anschließen.
    Aber es geht leider noch weiter. Gerade die rechte Szene nutzt Kommentarfunktionen in allen verfügbaren Medien, und in allen Themen. Und darunter sind Formulierungen, die lassen andere staunen, so hoch Intellektuell kommen sie zunächst daher, entpuppen sich erst bei genauem Hinschauen als inhaltsleer und hetzend. Allerdings, auch nur bei genauem Hinschauen und Beobachten zu bemerken, widersprechen sie sich selbst.
    Und wenn ich an das Fotografieren denke, fängt das ganz banal und ganz früh an. Ich fotografiere einen Menschen und akzeptiere ihn gar nicht mehr so wie er ist. Entweder geht das Bild in den Müll, oder es wird bearbeitet. Wird es nicht bearbeitet, wird der Mensch als häßlich, als unperfekt, als unzeigbar angesehen. Und wenn nicht von mir als Fotografen, dann vom Betrachter, der mich nicht liked.
    Eigentlich brauchen wir in unserer Gesellschaft nur eines: Respekt voreinander, Respekt vor der Umwelt. Respekt vor dem Leben. Wenn wir das bekommen, dann sind wir auch wieder in der Lage, leidenschaftlich fundiert zu kommentieren, uns gesund zu ernähren und damit viel besser drauf zu sein. Denn üble Kommentare können nicht von glücklichen, von selbstbewussten Menschen kommen.
    Danke für den tollen Beitrag. Der macht keinen Spaß zu lesen, aber Freude.
    Lieber Gruß
    Kai

    • Reply
      Christiane Pesendorfer
      Oktober 3, 2019 at 17:39

      Danke Kai für deine Gedanken und den Anstoß!
      Gerade den letzten Punkt, bezogen aufs Fotografieren, finde ich sehr spannend. Darüber habe ich bislang noch gar nicht nachgedacht; es ist wohl leider vielfach so, wie du schreibst.

      Liebe Grüße
      Christiane

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