Ein Weilchen Events

fermata musica – Musik in St. Walburga

Als ich neun Jahre alt war durfte ich regelmäßig etwa alle sechs Wochen die Sinfoniekonzerte im Mindener Stadttheater zusammen mit meiner Tante besuchen. Ich sage mal so: es war sicher ein spannendes Unterfangen, eine neunjährige während der Schulzeit mitten in der Woche zu einem Erwachsenenkonzert mitzunehmen. Sich darauf einzulassen, dass während der Vorstellung begeistert mitdirigiert wird, oder immer mal wieder Fragen beantwortet werden müssen, die natürlich nicht bis zur Pause warten konnten. Ganz davon abgesehen war es bestimmt auch nicht immer leicht, ein bereits eingeschlafenes Kind wieder nach Hause zu transportieren.

Claudio Bohoquez am Cello


Ich selber fand diese Konzertbesuche unglaublich cool, was mehrere Gründe hatte. Nicht, dass hier jemand auf die Idee käme, ich wäre schon damals ein kleiner Klassikfan gewesen; im Gegenteil, Mahlers zweite Sinfonie, Schumanns Fest-Ouvertüre über das Rheinweinlied oder Schostakowitschs „Lied von der Erde“ hauten mich erstmal ganz und gar nicht vom Hocker. Was das betraf war ich ein ganz normales Kind, dass die Hits der Hitparade rauf und runter hörte und auswendig mitträllerte.
Wirklich faszinierend war für mich, in die Konzerte der „Großen“ zu dürfen und nicht in ein ausgesprochenes Kinderkonzert (heute sagt man Familienkonzert) zu müssen . Keiner moderierte, keiner stellte mittendrin irgendwelche Fragen, kurz: es stand keine pädagogische Absicht dahinter (zumindest für mich damals nicht offensichtlich). Natürlich war es auch toll, mitten in der Woche zur üblichen Kinderschlafzeit im Konzertsaal unter lauter Erwachsenen zu sitzen, schick herausgeputzt – meist im Kleidchen und Lackschühchen- und in der Pause quer durchs Theater zu rennen und jeden Winkel des altehrwürdigen Gebäudes zu erkunden, um dann von der Garderobenfrau 5 Minuten nach Pausenende auf Zehenspitzen wieder in den Saal geführt zu werden (meine Tante wusste schon, warum sie Randplätze für uns gebucht hatte 😉 ) In jedem Falle habe ich diese Konzertbesuche in allerbester Erinnerung! Ich habe damals unglaublich viel über Instrumente und deren Klang, die Sitzordnung in einem Orchester und die Gepflogenheiten im Konzertsaal gelernt. Mir ist z.B. immernoch der Satz im Ohr „nicht klatschen, bevor der letzte Ton wirklich verklungen ist, die Musik muss erst ein bisschen nachwirken „. Gar nicht schlecht sowas zu lernen, denke ich heute, Worte, Töne erst ausklingen zu lassen, bevor man- wie auch immer – reagiert. Eine Übung für alle Lebensbereiche!


Außerdem habe ich damals erstmals dieses „Kribbeln im Bauch“ kennengelernt; die Gänsehaut, die man bekommt, wenn etwas so wunderschön klingt, dass sich einem die Härchen auf den Armen aufstellen. Das kam nicht oft vor, aber es gab schon damals diese göttlichen Momente.
Das Wichtigste, was sich in der Zeit entwickelte war die Liebe zum Klavier, die Faszination darüber, wie ein einziger Mensch an den Tasten so viel Gefühl vermitteln und damit hunderte Zuhörer in seinen Bann ziehen konnte. Daraus erwuchs wohl damals auch der unbändige Wunsch, dieses Instrument zu erlernen.

während der Probe

Noch als Studentin führte mich vor 31 Jahren mein Weg in die Kirchengemeinde St. Walburga. Der damalige Pfarrer Dr. Faupel empfing mich mit offenen Armen und mir standen alle Möglichkeiten offen um musikalisch zu lernen und zu wachsen. Aus anfangs neun Sängerinnen und Sängern erwuchs über die Jahre ein knapp dreißigköpfiger Chor, der sein Potential erkannte, mich in allen meinen Wünschen und Träumen unterstützte und viele große Herausforderungen annahm. Zusammen mit den Mitgliedern des Hannoverschen Barockorchesters L’Arco meisterten wir im Laufe der Jahre einige große Chor – und – Orchesterkonzerte und steckten uns zudem viele Ziele, angefangen von der Teilnahme an einem Chorwettbewerb, über die Gestaltung eines Gottesdienstes auf der Expo 2000 in Hannover bis hin zur Beschallung der großen Domkirchen in Köln, Hildesheim, Hamburg, Salzburg, Paderborn und Osnabrück.

Almut Preuß-Niemeyer

Vor elf Jahren kam die Idee einer „meiner“ Basssänger, die hervorragende Akustik unseres Kirchenraumes für weitere klassische Konzerte zu nutzen und mit einem siebenköpfigen Team riefen wir die Konzertreihe fermata musica ins Leben.

Was macht die Kirche zu einem besonderen Konzertraum?

Wenn man die Hauptstraße in Porta Westfalica Hausberge entlang spaziert nimmt man den schmalen Gebäudekomplex mit der lang gezogenen Treppe erstmal gar nicht als Kirche wahr. Es fehlt der Kirchturm und auch sonst erinnert nichts an eine Kirche.
Ist man die Treppe hinaufgestiegen tritt man durch die seitliche Eingangstür erst einmal in die Werktagskapelle.

Werktagskapelle St. Walburga, Porta Westfalica

Einige wenige Schritte weiter gelangt man aus dem flachen, dunklen, kryptenähnlichen Kapellenraum in den großen, hohen, weiten, quadratischen Kirchenraum, der durch seine Schlichtheit besticht. Um den Altar herum, der sich in der hinteren Mitte des Raumes befindet und der den Raum optisch zentriert, ist die Bestuhlung im Dreiviertelkreis angeordnet; die Ecken der Wände sind abgerundet. Der Fußboden senkt sich von allen Seiten unmerklich zum Altar, der dadurch auch aus den hinteren Reihen gut zu sehen ist. Über dem Altar schwebt eine große Lichterkrone.

Hauptkirche St. Walburga, Porta Westfalica

Unter anderem waren es die architektonische und akustische Qualität der St. Walburga Kirche, die uns vor elf jahren animiert hat, sie zu einem Konzert-Standort zu entwickeln. Hier werden seither in regelmäßigen Abständen Konzerte unter dem Label fermata musica angeboten. Meist sind dies Kammerkonzerte in kleineren Besetzungen, manchmal auch rein kirchenmusikalische große Chor- und Orchesterkonzerte.

Der Titel fermata musica möchte vermitteln, dass sich hier die Gelegenheit bietet bei qualitätvoller Musik zugleich Entspannung und Konzentration zu finden – so, wie die Fermate in der Musik anhält, einen Ruhepunkt bildet und gleichzeitig Spannung auf das Folgende weckt.

Es soll hier jedoch nicht der Eindruck entstehen, dass die Konzerte in unserem Kirchengebäude nur von eher vordergründigen Kriterien wie Akustik, Anordnung und Anzahl der Sitzplätze, günstigen Platzierungsmöglichkeiten der Musiker etc. dominiert werden.
Kirche ist Begegnung und Versammlung! Dabei sollte der Gottesdienstraum weder zur funtkionalen Mehrzweckhalle werden noch abstrakter Kultort ohne jeden Weltbezug sein. Es nicht immer leicht hier eine Balance zu halten.
Bei der Auswahl unserer Konzerte legen wir großen Wert darauf, dass die Künstler, bzw. Interpreten den sakralen Raum respektieren und sich dem Kirchenraum, den Hörern und den Werken gegenüber in der Verantwortung sehen. Dies setzt nicht nur technisches Können voraus, sondern die Bereitschaft das innerste der Musik zu erspüren und zu transportieren und neben der aufführungstechnischen Perfektion das Herz sprechen zu lassen.

Inspiration

Die Fotos zeigen Eindrücke aus dem Neujahrkonzert am 5. Januar.
Zu Gast war der Cellist Claudio Bohoquez, der in Deutschland geboren, peruanisch-urunguayischer Abstammung ist und der zu den gefragtesten Musikern seines Fachs zählt. Mit bravouröser Technik beherrscht er sein Instrument, ließ es an diesem Abend in allen Farben singen und zog das Publikum – zusammen mit seiner Duopartnerin Almut Preuß-Niemeyer am Klavier- in seinen Bann.

Schlussapplaus

Wer sich selber gerne einmal von der besonderen Atmosphäre unserer Konzerte überzeugen möchte sei am Sonntag, 22. März um 17:00 Uhr herzlich eingeladen. Dann wird das Leipziger Gewandhaus-Quartett zu Gast in unserer Kirche sein, was sicher für alle Besucher ein ganz außergewöhnliches Erlebnis werden wird.

3 Comments

  • Reply
    Kai
    Januar 23, 2020 at 23:27

    Porta Westfalica hat so manch spannende Architektur. Das entdeckt man in der Tat am besten zu Fuß. Immerhin hat der Ort bei mir bereits als Kind bleibenden Eindruck hinterlassen. Und heute würde ich gerne mal wieder ein paar Tage hier sein. Auch, wenn ich nur kurz in Minden gelebt und in Oeynhausen gearbeitet habe, irgendwie ist diese Gegend in meiner Seele geblieben.
    Wie schön ist es an manch einsamen Abend gewesen, wenn ein bis drei Bibelschüler*innen der Mailche oben am Denkmal einfach ihr eigenes kleines Konzert gaben und man sich mit Blick auf Porta Westfalica den Stimmen und Klängen hingeben durfte.
    Ja, Kirche ist mitten im Leben. Und dafür bin ich dankbar.
    Wer weiß, vielleicht wäre das Konzert ja mal ein Anlass, wieder zu kommen. Dann bräuchten wir allerdings zwei Randplätze:-): Von Generation zu Generation…
    Liebe Grüße
    Kai

    • Reply
      Christiane Pesendorfer
      Januar 25, 2020 at 16:41

      Es ist tatsächlich schön, dass sich in Porta Westfalica die Möglichkeit bietet, ein hochkarätiges Konzert zu besuchen, ohne dafür nach Leipzig, Berlin oder München reisen zu müssen. -Auch für die Jugend. Und….. Randplätze haben wir ausreichend 😉

      Liebe Grüße
      Christiane

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